Was bewegt Menschen

Was bewegt Menschen, ganze Familien mit kleinen Kindern und Säuglingen dazu, Alles zurückzulassen und tausende von Kilometern voller Gefahren für Leib und Seele zu bestreiten, um schließlich hier im fremden Deutschland anzukommen?

Wieviele Familien werden auf der Flucht getrennt? Wieviele Menschen kommen um, ertrinken im Mittelmeer oder ersticken oder verhungern in einem Container?

Am 03. Oktober 2013, dem Tag der Deutschen Einheit, sind vor Lampedusa über 300 Menschen ertrunken. Daraufhin hat Italien die Rettungssaktion „Mare Nostrum“ ins Leben gerufen. Während der Aktion wurden etwa 100000 Menschen in Seenot gerettet. Die Kosten dafür beliefen sich auf etwa 9 Mio. Euro – 90 Euro pro Leben…

Schätzungen zufolge sind zeitgleich etwa 3500 Menschen im Mittelmeer ertrunken. „Mare Nostrum“ wurde Ende Oktober 2014 wieder eingestellt – aus Kostengründen. Deutschland und die Die EU-Staaten haben eine Beteiligung an den bis dahin von Italien allein getragenen Kosten abgelehnt.

Was bewegt Menschen…?

Nun wird es wohl wieder vermehrt sogenannte „Pushbacks“ geben, was nichts geringeres bedeutet, als völlig überfüllte, seeuntaugliche Boote und Schiffe wieder auf das offene Meer zurückzustoßen. In der Vergangenheit wurden sie zuvor teilweise sogar manövrierunfähig gemacht…

Die vielen an Board befindlichen Menschen werden schlichtweg in den fast sicheren Tod getrieben. Währenddessen wir in Deutschland das 25 jährige Jubiläum des Mauerfalls feiern, werden die EU-Außengrenzen mit bis zu 7m hohen Zäunen verriegelt. Auch dort gibt es Pushbacks, die tödlich ausgehen. „Unsere“ Mauertoten scheinen nicht genug Anstoß zur Einsicht gegeben zu haben.

Warum also begeben Menschen sich auf die Flucht?

Erfahrungen in der Heimat:

  • Krieg und Auseinandersetzungen, Verfolgung
  • Eigene Gewalterfahrung bis zu Folter
  • Zeuge von Gewalt / Tötung
  • Gefangenschaft
  • Kindersoldat
  • Verlust von Angehörigen
  • Opfer oder Zeuge von Terrorattacken, Bombenanschlägen, Entführungen

Krieg und Verfolgung bedingen

  • Unsicherheit, Lebensbedrohung,
  • Tod und Verlust von Angehörigen,
  • Zerstörung von Dörfern, Stadtteilen
  • Verlust der Arbeit und Wohnung
  • Wirtschaftliche Unsicherheit, Verarmung
  • Hunger

Auf der Flucht:

  • Verlust der Heimat, der vertrauten Menschen
  • lange Fußmärsche
  • Versteckt leben
  • Gewalt durch Schlepper oder Mitflüchtlinge
  • Schlepper sind notwendig, kosten viel Geld
  • Ausgeliefertsein an die Schlepper
  • lange Wartezeiten unterwegs
  • Lange Fluchtwege mit vielen gefahrvollen Situationen
  • Lebensbedrohliche Situationen auf Booten, bei Flußüberquerungen
  • Trennung von Familien,
  • Verschwinden von Angehörigen
  • Tod von Angehörigen / Mitflüchtlingen
  • Trennung von Familien
  • Hunger, Durst, Krankheiten, Entbehrungen
  • Ankunft in Europa bedeutet noch keine Sicherheit

Fluchtgeschichte Familie mit 3 Kindern:

  • „Wir waren 3,5 Jahre auf der Flucht zwischen Irak, Türkei und Griechenland.“
  • „Wir mussten monatelang in einem Raum auf die Weiterfahrt warten. Ich musste meinen zweijährigen Sohn ruhig halten, sonst hätte er unser Versteck verraten.“

Ankunft in Deutschland…

Unterbringung in Erstaufnahmelagern:

  • Große Gebäude, Mindeststandard an Ausstattung
  • Viele traumatisierte Menschen auf engstem Raum
  • Unsicherheit, Angst, Anforderungen der Behörden werden zu wenig verstanden
  • Verständigungsprobleme, unterschiedlichste Kulturen

Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften oder dezentral:

  • Wenig Platz, Zimmer mit 16 qm für 4 Personen, mangelnde Intimsphäre, keine Ruhe
  • Stockbetten, Spinde, Tisch, Stühle, Kühlschrank
  • In manchen GUs zu wenig Duschen, Toiletten
  • Küchenausstattung oft nur Kochplatten, Spüle
  • Kinder haben kaum Platz für Spielen, Lernen, Ruhe für Schlaf
  • Gefühl der Unsicherheit
  • Ängste und bedrohl.Erfahrungen werden aktiviert
  • Konflikte zwischen Bewohnern in Erstaufnahmelagern und Gemeinschaftsunterkünften
  • Nächtliche Kontrollen und Razzien lösen Erinnerungen aus
  • Isolation
  • Sprachprobleme

Die Situation der Eltern:

  • Erschöpft nach der Flucht
  • Traumatisiert, psychisch belastet
  • Überfordert mit den behördlichen Ansprüchen
  • Verlust der Heimat, des Eigentums, der sozialen Stellung
  • Perspektivlosigkeit, Hilflosigkeit
  • Kulturschock
  • Werteverlust
  • Herkunft aus kollektiver Gesellschaft
  • Leben in Großfamilien, größeren Gemeinschaften
  • anderes Normen- und Wertesystem
  • andere Anforderungen an Erziehung
  • Nichtverstehen der Ansprüche an Erziehung/ Umgang mit Kindern hier

Auswirkungen auf Kinder:

  • Bekommen nicht die notwendige Fürsorge und Zuwendung
  • Verstehen das Verhalten der Eltern nicht, haben große Angst um sie
  • Überfürsorge oder Vernachlässigung
  • Müssen für die Eltern dolmetschen
  • Gefahr der Parentifizierung
  • Kinder pendeln zw. Kulturen/Konflikte m. Eltern

Kinderrechte:

  • Sind bei Kindern und Jugendlichen im Asylverfahren oder mit Duldung weitgehend nicht erfüllt
  • Wohl des Kindes
  • Schutz vor Trennung von Eltern
  • Familienzusammenführung
  • Schutz der Privatsphäre
  • Schutz vor Gewalt
  • Gesundheitsvorsorge
  • soziale Sicherheit
  • angemessene Lebensbedingungen
  • Recht auf Bildung
  • Beteiligung an Freizeit

Wir fordern:

  • Sicherheit
  • Verbesserung der Lebenssituation
  • Deutschkurse
  • Interkulturelles Training für BeraterInnen/LehrerInnen etc.
  • Intensive Beratung und Unterstützung mit Dolmetscher von Anfang an
  • Verfahrensberatung
  • Arbeitsmöglichkeit
  • Umzug in Privatwohnung
  • Gleichstellung nach SGB (Hartz IV, Sozialhilfe)
  • Krankenversicherung
  • Information über Erwartungen von Behörden, Schule, Kindergarten etc.
  • Kindergartenplatz
  • Beratung zu Schullaufbahn, Ausbildung
  • Konkrete Handlungsempfehlungen und Unterstützung für den Umgang mit Kindern
  • Elterntraining für alle Flüchtlingsfamilien
  • Abklärung bei Auffälligkeiten, Störungen und notwendige Unterstützung
  • Hausaufgabenbetreuung in der Schule
  • Teilnahme an Freizeitaktivitäten

Wichtig!

  • Respekt
  • Frühzeitige Möglichkeit zu einem normalen Leben
  • mit ausreichend Fürsorge und Zuwendung, materieller und existenzieller Sicherheit, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
  • ist die beste Prävention und Schutz vor langfristigen Schäden

Wir appellieren an unsere Mitmenschen:

Bitte nimm /nehmen Sie die Situation so ernst, wie sie nunmal ist! Jede*r von uns ist verantwortlich. Wir leben in einem weitestgehend sicheren Land. Wir sind ein reiches Land. Unser Reichtum ist ein Resultat aus jahrhunderte dauernder globaler Ungerechtigkeiten. Die Menschen, die sich auf die Flucht begeben, haben ein gutes Recht darauf, hierher zu kommen, in unser sicheres Land, und auch hier bleiben zu dürfen! Wohin denn sonst?

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